Die Lügen, die wir glauben

In jeder Familie werden Geschichten erzählt, die wir nur allzu schnell glauben. Was man bei anderen schnell und deutlich erkennt, sieht man vor der eigenen Nase häufig nicht. Und so könnten Sie, werter Leser, als Übung alles aufschreiben, was Ihnen in Ihrer Familie anekdotenartig, also immer wieder wie so eine Art Wahrheit, erzählt wurde. In erster Linie geht es natürlich um Sie. Aber auch andere "Geschichten", die Sie auf den ersten Blick nicht betreffen, könnten von Interesse sein, besonders solche, bei denen es um die Gesamtheit der Familie geht, denn Sie gehören ja nun auch dazu!

In meiner Kindheit lautete eine solche Erzählung "Alle Mitglieder unserer Familie sind unmusikalisch." Das glaubte ich auch, bis ich irgendwann entschied es zu überwinden. Zu mir war außerdem die Information durchgesickert, dass alle Menschen musikalisch sind, sonst könnten sie gar nicht sprechen. Denn auch die Sprache verfügt über ihre eigene Musik (fachsprachlich Prosodie genannt). Wir intonieren, wir rhythmisieren, wir ändern das Tempo, die Stimmgebung, die Lautstärke, die Stimmhöhe — all das, um uns möglichst treffend ausdrücken, passend zum Sprachsystem, aber auch passend zu uns. Mein Griff zur Gitarre stellte die Überwindung dieses Musters da. Klingt banal, war es aber nicht.

Eine andere Lüge habe ich erst gestern enttarnt. Im Nachgang der Gedanke: "Völlig logisch! Wie konnte ich nur solchen Blödsinn glauben?" In letzter Zeit hatte ich abends manchmal sehr seltsame Wahrnehmungen, die ich nicht zuordnen konnte. Mit der Zeit fand ich heraus, dass sie nur auftraten, wenn ich mir in der Mitte des Tages keine richtige Ruhepause gönnte. Zu viel Aktivität, zu wenig Erholung. Also schob ich das einfach auf mein Kaputtsein. (Ai ai, eigentlich hätte ich es besser wissen müssen. Solche komischen Wahrnehmungen sind non-verbale Körpererinnerungen. ;-) ) Gestern Abend arbeitete ich scheinbar an einem anderen Thema, der Zugang ging über ein Symptom, und da öffnete sich die Körpererinnerung in ihrer vollen Pracht: Mir wurde komisch, auch so komisch warm und es war wahnsinnig unangenehm bis schmerzhaft. Ich ließ mich auf diese Empfindungen ein, zumal ich einen Begleiter hatte, der den Raum für mich hielt, und konnte herausfinden, dass der Satz meiner Mutter "Meine Kinder wollten schon sehr früh nicht mehr mittags schlafen" eine Lüge war. Ich hatte diesen Satz geglaubt: "Ja, ich war anders. Ich brauchte den Schlaf nicht mehr. Ich hatte Besseres zu tun. Schlafen war langweilig!" Die Wahrheit war aber: "Ich brauche dringend Schlaf und Erholung. Ich habe chronischen Schlafmangel, aber ich kann mich nicht ausruhen. Ich habe so viele Eindrücke in meinem Kopf, dass er mir fast durchbrennt. Die Windungen schmoren sogar schon, weil ich wenig Möglichkeit habe, meine Eindrücke zu verarbeiten." Gruselig! Nun war aber die Wahrheit entdeckt, die ja bekannterweise hinter jeder Lüge steckt. Den Anteil, der immer noch als Kleinkind in der Situation von damals steckte, ließ ich alles loswerden und ausdrücken und hieß ihn anschließend in meiner Wohnung und Umgebung willkommen. Am meisten zugesagt hat ihm übrigens... ja genau... der Hängesessel, den ich seit einem Jahr habe. Ein Zufall? Nein, sicherlich nicht! Für wen habe ich ihn sonst gekauft? ;-)

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