Nachtrag zur Diskussionsrunde: die abgespaltene Ebene

Am 24.11.2020 nahm ich an einer Onlinediskussion mit einem Bundestagsabgeordneten zum Thema Corona teil. 2 Tage später verspürte ich den Ruf, einen Brief hinterherzuschicken.

 

Sehr geehrter Herr Lindh,

ich war Teilnehmerin der Diskussionsrunde diesen Dienstagabend. Ich hätte gern einen mündlichen Beitrag geleistet, fand aber in dem Moment nicht die richtigen Worte, was mich dazu veranlasste das Wortlose zu erforschen. Mittlerweile kann ich es ausreichend gut in Worte fassen, auch wenn es ein Ringen ist, das ich mein Leben lang kenne. Es geht um die existenzielle Ebene (die menschlichen Urbedürfnisse, das Sein in der Welt, die Verbundenheit mit dem ganzen Sein), die in unserer Kultur und Gesellschaft zu kurz kommt bzw. ganz abgespalten ist. Wir tun so, als wäre sie nicht da. Ich habe leider noch keinen Politiker gesehen, der diese Ebene in sein jetziges Handeln bezüglich der Corona-Maßnahmen einbezogen hat. Es geht sonst immer um Körperliches, Psychisches, Soziales, Wirtschaftliches, wobei besonders das Verständnis der körperlichen Gesundheit sehr reduziert ist (z. B. auf die Virenfreiheit). Das hängt aber zusammen. Beziehe ich die existenzielle Ebene nicht ein, bleibt das Verständnis des Körpers, der Psyche, der Gesellschaft oberflächlich und abstrakt. Etwas ganz Wesentliches fehlt. Es ist wie ein riesiger blinder Fleck. Ich beobachte es so, dass auch viele Corona-Maßnahmen-Kritiker - und ich bin auch eine der ersten Stunde - versuchen auf diese Ebene aufmerksam zu machen. Sie nehmen die Unstimmigkeiten, die Widersprüche, den daraus resultierenden Schaden deutlich wahr. Auf der Seite der Entscheidungsträger kommt die Information aber nicht an. Oder sie kommt verzerrt an. Oder sie rührt an eigene blinde Flecken, löst eine Abwehrreaktion aus. Es ist ein Zusammenhang, den ich seit meiner frühesten Kindheit kenne als jemand mit der Fertigkeit, anderen Menschen Abgespaltenes und Verdrängtes zu spiegeln. Sie können sich vorstellen, dass ich damit nicht gerade beliebt war. Mittlerweile lasse ich mich für diese Fertigkeit bezahlen und führe Menschen in meiner psychotherapeutischen Praxis wieder an diese Ebene heran.

Ich habe Sie so wahrgenommen, dass Sie aus guten Absichten möglichst reflektiert versuchen zu handeln. Wir halten immer Menschen mit bösen Absichten für gefährlich. An dieser Stelle muss ich Sie ggf. enttäuschen, dass ich "gute Absichten" für nicht minder gefährlich halte. Wenn jemand davon überzeugt ist, aus guter Absicht zu handeln (z. B. Menschen helfen zu wollen, Menschenleben zu retten, etwas Schlimmeres zu vermeiden usw.), ist er schnell beim Punkt "der Zweck heiligt die Mittel", zumal die moralische Erlaubnis der guten Absicht bereits da ist. Es entsteht ein gewaltiger blinder Fleck für den Schaden (den sieht man kaum / nicht! Auch wenn man referieren kann, dass es sicherlich Schäden gibt, und sie sogar aufzählen. Die ganze Tragweite des eigenen Handelns spürt man nicht). Und man sieht die eigene Übergriffigkeit nicht. Die Machtausübung ist ja nur zum Guten. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass in der aktuellen Situation erwachsene Menschen zu Befehlsempfängern von Maßnahmen degradiert werden. Sind sie nicht gehorsam, werden Strafen angedroht und verhängt. Die schwarze Pädagogik, hier auch im Erwachsenenkontext, ist wieder da. Würdelos und verletztend, auf vielen Ebenen. Ebenso die Rufe nach Bestrafung und das Feinddenken. Das ist so ziemlich das Gegenteil von Eigenverantwortung (eigene Antworten suchen und sie auch verantworten!), Mündigkeit (Mund aufmachen!), Erwachsensein (seine frühen Traumata verarbeitet, kognitive Verzerrungen überwunden, seine kindlichen Bedürfnisse nachträglich erfüllt haben, so gut es geht). So gesehen sind wir eine kindliche Gesellschaft, die vorgibt Leben retten zu wollen, wahrscheinlich aus Angst vor Angst- und Schuldgefühlen und aus Angst vor dem Kontrollverlust und aus Angst vor dem tödlichen und verletzlichen Aspekt des Lebens. Daher ja auch die Kontroll-Maßnahmen. Dazu kommen die kollektiven Leichen im Keller durch die 2 Weltkriege, Flucht, Vergewaltigung, Verluste und natürlich das Täter- bzw. Opfersein. Deutschland ist ein zutiefst traumatisiertes Land, auch wenn die Fassaden ganz gut aussehen. Die Opferebene (Hassmails bekommen) haben Sie in Ihren Eingangsworten gut zum Schwingen gebracht. Sie ist leider ein Spiegel, nicht nur für das aktuelle Geschehen. Wir haben auch schlafende Hunde geweckt, was gleichzeitig eine Chance ist, sie endlich zu erlösen.

Nur ist es kaum möglich, jemandem diese Ebene näherzubringen, der sie (bewusst/unbewusst) nicht haben will, (Todes-)Angst vor ihr hat und bereit ist, praktisch alles zu tun, um mit ihr nicht in Kontakt zu kommen. Corona ist da eine Chance. Ein vergleichsweise ungefährliches Virus, jedenfalls für die Meisten, kein Ebola und keine Pest, bringt uns unsere Tabuthemen näher: Feindschaft mit dem Tod und mit der eigenen Verletzlichkeit, Feindschaft mit der Unkontrollierbarkeit des Lebens, Selbstausbeutung und Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur, Falschheit / Fassade / Show, in der wir leben und das alles für die Realität halten, die Ungelöstheit der alten und neuen Täter-Opfer-(Retter-)-Dynamiken... Viele Menschen haben sich aber mit diesen Themen auseinandergesetzt und tun es kontinuierlich! Ich kenne viele. Für diese Menschen (auch für mich)  ist es ein Fragezeichen, wie man solche Maßnahmen, die die existenzielle Ebene verneinen und so einen immensen Schaden an der Seele und in Folge auch am Körper des Menschen und an seiner Beziehung zu sich selbst, zu anderen, zu der Welt, anrichten, beschließen kann. Das Problem auch hier: Wie bringe ich das jemandem bei, der dazu nicht den (vollen) Zugang hat? Und das auch noch in Worten, handelt es sich doch um feinste Wahrnehmungen, für die es keinen sprachlichen Ausdruck gibt. Ich versuche es trotzdem auf die Gefahr hin, dass ich aus Ihrer Sicht Chinesisch rede. Oder, dass ich starke Abwehr in Ihnen auslöse. Oder, dass Sie mich ganz anders verstehen, als ich es meine. Letzteres habe ich häufig erlebt: Ich bitte um eine Zusammenfassung dessen, was ich ausgedrückt habe, und werde mit etwas konfrontiert, das nicht im Entferntesten meiner Botschaft entspricht. Einen Versuch ist es wert!

Was ist mit Ihnen? Können Sie mir (ansatzweise) folgen? Wären Sie bereit, sich diesen riesigen blinden Fleck anzusehen, den wir sowohl individuell als auch kollektiv haben?

Herzliche Grüße

Katja Dikushina