Was wäre gewesen, wenn ich...

Schon häufig habe ich mir seit März 2020 die Frage: „Was wäre passiert, wenn ich meine Anstellung zum Dezember 2019 nicht aufgegeben hätte?“ gestellt. Mein Vertrag lief noch bis Ende Juli 2020. Ich hätte die Möglichkeit gehabt, ihn auslaufen zu lassen, meine letzte Erzieher-Klasse bis zum Abschluss zu begleiten und mich in Ruhe dem Aufbau des freiRaums widmen zu können. Die Kündigung und auch der Zeitpunkt waren absolut richtig. Die gefühlte Wahrheit. Mit dem Einsetzen der Corona-Maßnahmen gesellte sich dazu das Gefühl: „Gerade noch rechtzeitig entkommen!“ Unterrichten mit Abstand? Oder gar mit Maske? Undenkbar! Unmenschlich! Unwürdig! Die Frage: „Was hätte ich dann gemacht? Wie gehandelt?“ stellte ich mir trotzdem, spürte da ein Stück hinein. Wäre ich in die Krankheit gegangen? Wäre ich die letzten Monate meiner Anstellung krankgeschrieben gewesen? Hätte ich für bessere Schulbedingungen gekämpft? Den Online-Unterricht und dann den Unterricht in Halbgruppen noch mitgemacht? Die Menschen, alleine durch meine Anwesenheit, mit ihren Ur-Ängsten und Ängsten konfrontiert? Natürlich maskenfrei und nicht immer zu meinem eigenen direkten Vorteil? Hätten sich die Schüler noch von mir begleiten lassen trotz der wahrscheinlich sehr unterschiedlichen Ansichten und der gegenteiligen Angstlevels? Hätte das Vertrauen dafür ausgereicht? Die Qualität der Beziehung?

Neulich stieß ich auf Facebook auf einen Beitrag einer Dozentin aus Bremen, der mir aus der Seele sprach. Sie schrieb Folgendes: „Ein bedeutender Tag in meiner Laufbahn als Dozentin! Ich beende noch das laufende Modul im Kurs und dann habe ich Corona-Maskarade-Urlaub auf unbestimmte Zeit! Ich habe mich geweigert einer Menschengruppe das Tragen der Maske aufzuzwingen! Ich gehe mit den Regeln nicht konform! Und ich darf sie weglassen, wenn ich frontal unterrichte!

Ja, dann ist es so! Ich kann es aus moralischen Gründen nicht anordnen, befehlen oder auferlegen, erzwingen! Ich, die doch gehen diese Maske ist und die Lehrer in Schulen verurteilt, die mit Genuss den Schülern das auferlegen, weil es ja so gesetzlich vorgeschrieben ist! Ich muss mir und meinen Mitmenschen treu bleiben, egal unter welchen Umständen! Wenn die Anordnung käme die TN zu denunzieren oder zu erschießen, weil sie die Regeln nicht befolgen, dann wäre es fatal! Also machte ich schon heute die Sache klar! Und ich bin froh darüber, dass es so gekommen ist! Mir wurde klar, dass ich es aus Überzeugung tue und nicht anders handeln kann. Wie soll ich vor der Klasse sitzen ohne Maske und denen sagen, dass sie diese verdammte Maske zu tragen haben, weil ich sie sonst aus dem Unterricht schicken muss????? Ich maße mir diese Autorität einfach nicht an! Wer bin ich denn oder wer soll ich sein, um erwachsenen Menschen zu sagen, was sie zu tun haben???? Ein Hohn! So kann ich mit Menschen nicht umgehen! Ich stelle es den TN frei, ob sie sich schützen wollen, oder nicht!“

Ein emotionaler Beitrag, der wunderbar den inneren Kampf und das Festhalten an eigenen Wahrnehmungen und Maßstäben wiedergibt. Das freie Kind – in Anlehnung an die Transaktionsanalyse – meldet sich klar, emotional und deutlich zu Wort, unterstützt von den erwachsenen Anteilen, die die Maßstäbe überprüfen und daraus Konsequenzen ziehen. Ein Beitrag, der das authentische Ringen aufzeigt, mit Widersprüchen offen zu leben und sie nicht unter den Teppich zu kehren.

Spontan schrieb ich darauf eine Antwort: „Ich habe letzten Dezember die Erwachsenenbildung verlassen, etwas vorzeitig, mein Vertrag ging bis Ende Juli 2020. Ich hielt es dort nicht mehr aus und machte mich 2020 selbstständig. Dein Beitrag spricht mir aus der Seele. Schon häufig habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was wohl in der Corona-Zeit passiert wäre, wenn ich Dozentin geblieben wäre. Deine Worte fassen sehr gut zusammen, wie es mir dann ergangen wäre, denn genauso ticke ich auch. So wie du es mit der Maskenpflicht beschreibst "Ich kann es aus moralischen Gründen nicht anordnen, befehlen oder auferlegen, erzwingen! " handhabte ich es am Ende meiner Lehrer-Karriere auch mit der Anwesenheitspflicht... Das Beurteilen war mir zunehmend ein Dorn im Auge (und im rechten Arm – aua!). Irgendwann ging diesbezüglich gar nichts mehr und ich reichte die Kündigung ein. So gesehen ist das mit der Maske (und auch mit dem Abstand - bei mir läuteten schon da die Glocken) die Krönung des Pflicht- und Beurteilungssystems. Dabei habe ich meinen Schülern auch das Milgram-Experiment gezeigt... Alle waren erschüttert, alle waren sich sicher, sie würden bei so etwas nicht machen...“ Aber das hier scheint ja was gaaaanz anderes zu sein. Und natürlich nur zu unserem Besten... Zum Wohle aller... 

Wie gehen andere Menschen mit diesem inneren Konflikt um? Spalten sie ihre Wahrnehmungen ganz ab? Oder gehen sie den Weg der Krankschreibung? Der typischste Weg in unserer Gesellschaft ist der der Pflichterfüllung, der mit Verantwortung gleichgesetzt wird, was absoluter Quatsch ist. Pflichterfüllung und echte Verantwortung haben nichts miteinander zu tun. Pflichterfüllung beinhaltet das Ringen nicht. Man sagt, man führe eben nur die Anweisungen aus. Das hatten wir schon so häufig in der Geschichte... So wie eine mir bekannte Lehrerin sagt: "Ich habe die Wahl zwischen 1) das zu tun, was mein Dienstherr verlangt oder 2) meinen Job zu verlieren." Von echter Verantwortung keine Spur. Der Mensch versteckt sich hinter einer Wahl, die nicht mal eine echte Wahl ist. Die echte Wahl besteht darin, sich entweder verantwortlich zu zeigen oder die Pflicht zu erfüllen. Ersteres kann durchaus den Jobverlust nach sich ziehen, muss aber nicht. Viel mehr wird der Jobverlust – verständlicherweise – als projektive „Ausrede“ (da nicht bewiesen, sondern reine Zukunftsprojektion, wenn auch nachvollziehbar) genutzt, um das Ringen im Rahmen der eigenen Verantwortung zu vermeiden. (Das Ringen verschwindet nie. Es zeigt sich dann auf einer anderen Ebene. Im Milgram-Experiment hatten die Probanden psychosomatische Symptome: Schwitzen, Zittern.) Die Pflicht ist erfüllt. Verantwortlich ist eh jemand anders – die da oben. Etwas Spielraum bleibt im konkreten Alltag. Papier ist Papier. Wie geht es dann aber den Schülern in direktem Kontakt mit diesem Menschen? Die besagte Lehrerin sorgt für eine entspannte, humorvolle und natürliche Atmosphäre und belebt das „Papier“. Die Kinder können recht normal in der Klasse sein, lachen, scherzen usw. Damit ist schon einmal viel an Menschlichkeit gewonnen. Und gleichzeitig weiß ich, dass ich diesen Spagat nicht machen könnte, daher habe ich großen Respekt davor, auch wenn das Grundprinzip der Angst nicht durchbrochen, sondern im Alltag nur übertüncht wird. Menschen sind eben kreativ in ihren Lösungen! Und da kommt auch ein Stück Verantwortung (eigene Antworten suchen, die einem selbst entsprechen und die man verantworten kann) durch, wenn auch nicht global gesehen. 

Wie geht es mir nach der Kündigung?

In der Erwachsenenbildung hat man nicht so eine gute Einstufung wie im staatlichen Schuldienst und meist befristete Arbeitsverträge. Meist so 2-3 Stufen niedriger laut TV-L. Trotzdem ist es ein Verlust eines regelmäßigen Einkommens und ich hatte schon etwas Angst davor, rechnete alles durch. Das Spannende war: Als ich im Januar 2020 kein Gehalt mehr bekam, habe ich mich unglaublich befreit gefühlt und die alte Sicherheit nicht einen Tag vermisst. Im Moment weiß ich nicht, was am Ende des Monats rauskommt, zumal eine Geschäftsgründung in Corona-Zeiten eine durchaus spannende Angelegenheit ist, auf allen Ebenen. Auf so eine Phase hatte ich mich eh eingestellt, nur dass sie jetzt noch verrückter ist und wahrscheinlich länger dauert. Feststeht: Es gibt kein Zurück. Und wenn ich in den oben beschriebenen Gedanken an den Punkt komme - „Was wäre passiert, wenn ich nicht gekündigt hätte?“ – bricht die Kette sofort ab mit: „Gott sei Dank, habe ich es getan! Gerade noch rechtzeitig!“

 

Bildnachweis:
Bild von Stefan Keller

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