Distanzeritis – eine schlimme Krankheit

Ich hatte schon länger vor, einen Artikel oder zumindest einen Kommentar zu Distanzeritis zu schreiben... Den Begriff Distanzeritis habe ich irgendwo aufgeschnappt, ich meine, beim Lesen eines Kommentars zu einem Online-Artikel. Den finalen Auslöser bildete die Stellungnahme des Chefredakteurs der Regionalzeitung "Nordkurier". Der Vorwurf an die Zeitung: eine nüchterne Berichterstattung über die Kritiker der Corona-Maßnahmen ohne Distanzierungs- und Haltungsdisclaimer. Also zu wenig Distanzeritis.

An sich ist die Distanzeritis ein Spiel, eine Show. Die eine Gruppe wirft einer anderen, zweiten Gruppe vor, sich von einer dritten, gefährlichen und bösen Gruppe, nicht genug distanziert zu haben, was der ersten Gruppe die Berechtigung inklusive moralischer Überlegenheit (Denn sie hat sich genug distanziert!) verleiht, die zweite Gruppe heftig zu kritisieren, zu diskreditieren und sogar durch alle Stufen von Dreck zu ziehen. Die zweite Gruppe reagiert darauf erst einmal häufig mit Schock, mit Verwunderung und auch mit dem Versuch, sich besser abzugrenzen. Hat die zweite Gruppe ihre Bemühungen, sich abzugrenzen, verstärkt, intensiviert die erste Gruppe den Druck, indem sie behauptet, dass die Distanzierung zur Gruppe 3 immer noch nicht gut genug ist. Und so geht es immer weiter, es sei denn, Gruppe 2 durchschaut das Spiel und steigt aus diesem ewigen Kreislauf aus, indem sie einsieht, dass es unmöglich ist Gruppe 1 gegenüber nachzuweisen, man habe sich genug von Gruppe 3 distanziert, da Gruppe 1 sich erst über das Feindbild definiert (Wir sind die Guten und Gruppe 3 sind die Bösen. Gruppe 2 scheint weder gut noch böse zu sein. Aber da wir schon die Position der Guten belegen und Gruppe 2 auch durch ihre Kritik an unserem Selbstbild und unserer Weltsicht rüttelt, müssen wir ihr auch die Rolle der Bösen zu- und nachweisen. Dass (angeblich oder tatsächlich) Menschen aus Gruppe 3 auch bei Gruppe 2 mitmachen, ist es Grund genug, die gesamte Gruppe 2 abzuwerten und uns auf diese Weise aufzuwerten und uns so unseres Gut-Seins zu versichern). 

In unserer Gesellschaft sind es typischerweise die "Rechten" und die "Nazis", von denen sich alle "guten" Bürger abgrenzen und fernhalten. Die Angst vor Kontaktschuld ist groß: "Was würden meine Freunde / Nachbarn / Arbeitgeber usw. denken, wenn man mich z. B. auf einer Demo, neben einem "Nazi" sehen würde, von dem ich z. B. nicht einmal wusste, dass es einer ist. Schließlich entsprechen nicht alle "Nazis" dem Klischee und man kann nicht den Menschen in den Kopf gucken und ihre Gesinnung ablesen." Und so bleibt man schön in Reih und Glied, geht nicht hin, macht den Mund nicht auf, um nicht zu den "Bösen" zu gehören, nur weil das jemand sagt.

Komisch, nicht? Eigentlich bin ich selbst doch der Mensch, der weiß, wer ich bin und wofür ich stehe. Ich könnte mich meinetwegen auch mit einem "Nazi" unterhalten, ohne gleich einer zu werden. Warum sollte ich? Der färbt doch nicht auf mich ab oder beeinflusst mich irgendwie, sofern ich in mir gefestigt bin. Und da kommen wir zu einem wesentlichen Punkt. Bin ich mir meiner selbst sicher, habe ich weder Angst vor Kontaktschuld, noch vor dem, was irgendjemand über mich behauptet, denn ich weiß, wer ich bin. Habe ich Angst davor, bedeutet es im Umkehrschluss, dass ich Zweifel habe. In erster Linie Selbst-Zweifel, die aber natürlich auch massiv durch das Feinddenken und die Zugehörigkeit zu einer "guten" Gruppe übertüncht sein können. Das macht die Sache sogar gefährlich. Denn jemand, der Selbst-Zweifel hat, verliert Bodenkontakt und sein Selbstgefühl. Er ist nicht bei sich, sondern mehr im Kopf, wenn überhaupt. Das heißt, sein Handeln wird immer selbst-unverbundener, weniger empathisch, kopflastiger und schließlich ideologischer. Die Ideologie ersetzt das Selbstgefühl und eliminiert die Selbstzweifel. Gleichzeitig ist sie ein wunderbarer Boden für Gewalt: Wer gegen mich ist, muss eliminiert werden. Und so laufen wir die Gefahr, dass die "Guten" zu den neuen Bösen werden. Wahrscheinlich war das aber auch in den 1920-ern /-30ern so, und die damaligen Nazis hielten sich für die Guten, die den Menschen Heilung und Lösungen und Perspektiven und Sicherheit bringen. Also, lieber Leser, seien wir alle vorsichtig mit Menschen, die 1) gut sein wollen und das in die Welt tragen, z. B. durch ihre Rettungs- oder Bekehrungs- und Überzeugungsabsichten und 2) Feindbilder pflegen und hegen und daraus ihre (moralische) Legitimation für ihre Handlungen ableiten, egal auf welcher Seite sie jetzt gerade oder sonst stehen.

Jetzt kommen wir zum tiefenpsychologischen Punkt, die allen, die "Ich marschiere nicht mit Nazis" schreien, überhaupt nicht gefallen wird. Distanzeritis ist auch ein verzweifelter Versuch sich von etwas abzugrenzen, was auch in einem selbst stecken muss. Sonst wäre das energetisch nicht so "heavy" (Energetisch anstrengende und Kraft kostende Zustände sind alles Produkte psychischer Abwehr). Die genauen Mechanismen sind wunderbar in den Büchern von Arno Gruen beschrieben, z. B. in "Der Fremde in uns". Die Kurzfassung: Im Leben passieren Dinge, meist schon sehr früh, die dazu führen, dass wir wichtige Teile von uns selbst abspalten. Das haben Gruppe 1, Gruppe 2 und Gruppe 3 auch getan. Das ist allen Menschen gemeinsam. In unserer jetzigen Kultur und Gesellschaft kommt da niemand heile davon. Gruppe 3 hat es wohl am stärksten, Gruppe 2 am wenigsten. In Gruppe 2 finden sich sogar besonders viele Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, die verlorenen und abgespaltenen Anteile wieder zu integrieren. Das schmeckt Gruppe 1 nicht, denn auch sie hat diese Anteile. Sie wird in der Projektion (durch Gruppe 2) daran erinnert, dass auch sie sich auf die Suche und Integration begeben sollte. Stattdessen versucht sie aber Gruppe 2 in Schach zu halten, damit sie sie nicht an das verlorene Eigene, das sich fremd und manchmal sogar bedrohlich anfühlt, erinnert. Es gibt noch eine sehr große Gruppe 4 – wahrscheinlich ist es sogar die große und recht stille Mehrheit – die irgendwo zwischen Gruppe 1 und 2 ist und sich entsprechend den Mehrheitsverhältnissen verhält. Im Moment scheint Gruppe 1 erfolgreicher zu sein und Gruppe 4 für sich zu gewinnen. Dabei wird sie der ihr so verhassten Gruppe 3 erstaunlich ähnlich: autoritär, alternativlos im Handeln, moralisch überlegen im Gefühl usw. Das sind keine rosa Aussichten. Da sind wir aber – wirklich jeder Einzelne von uns – daran beteiligt. Aber egal was Gruppe 1 treibt: Im Hintergrund wirken die universellen Kräfte. Die Sterne stehen auf Integration, Liebe und Empathie. Auf geht's!

Ich persönlich habe mich schon vor langer Zeit für den Weg der Wieder-Integration entschieden. Ich sage Nein zu Distanzeritis. Ich weiß, wer ich bin. Und Sie?

P. S.: Noch eine Anmerkung: Distanzeritis ist etwas anderes als eine natürliche Abgrenzung gegenüber Menschen, bei denen man merkt, dass man nicht den gleichen Weg geht oder dass sich die Werte und Kommunikationsebenen stark unterscheiden: Man findet keine gemeinsame Ebene und geht seiner Wege. Die Distanzeritis ist eine Show, eine Ablenkung und Vergewisserung zugleich. Und auch ein Kampf, der wahnsinnig viel Energie kostet. (Hier steckt auch die Gefahr für Gruppe 2, sich in diesen Kampf verwickeln zu lassen, statt konsequent den eigenen Weg zu gehen!) Das ist die gesunde Abgrenzung nicht. Sie ist ruhig und pflegt keine Feindbilder. Und schon gar nicht fühlt sie sich von den Werten oder Ansichten anderer herausgefordert. Leben und leben lassen ist die Devise, es sei denn jemand geht über die Grenzen. Dann kommt da ein klares: Stopp! Erst die gesunde Abgrenzung macht es übrigens möglich, Menschen vorurteilsfrei und offen zu begegnen.

P. P. S.: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.

 

Bilder von ElisaRiva / Pixabay

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