Vielfalt, Vielfalt, wo bist du?

Das ist ein Kommentar auf den Artikel im Nordkurier: "KONSEQUENTES GENDERN: Hebammen sollen nicht mehr „Muttermilch“ sagen"

Das Ziel des Genderns sei wohl eine diskriminierungsfreie Sprache... Kaum jemand weiß, dass die ursprüngliche Bedeutung von "Diskriminieren" "Unterscheiden" ist, übrigens ganz wertfrei. So wird das Wort noch in der Linguistik verwendet, zumindest war das zu Zeiten meines Studiums so, und dann mussten wir Vokale diskriminieren. Unterschiede werden aber im sozialen Kontext mit Wertungen assoziiert. Wertung ist nicht zielführend, da bin ich dabei. Aber das Verbannen der Unterschiede eliminiert die Wertung doch nicht! Es cachiert sie höchstens, erschafft eine wertfreie Illusion! Es wird eigentlich nur noch schlimmer und enger. Auch hier ist das Problem des (Selbst-)-Werts und des Wertens auf einer anderen Ebene gelagert. Und daher passt auch die Lösung nicht, schießt übers Ziel hinaus oder geht sogar nach hinten los. Außerdem leidet darunter die viel beschworene Vielfalt (Diversität), denn Gleichheit und Vielfalt schließen sich aus. Was anders ist, kann nicht gleich sein bzw. summiert werden. Sonst müsste ich auch ein Wort erfinden um Äpfel und Birnen zusammenzuzählen, die ihre Vielfalt unterstreichen. Früchte wäre diskriminierend sowohl den Birnen als auch den Äpfeln gegenüber. Ich schlage vor: Apfirnen. Übrigens war der Umgang mit der Sprache einer der vielen Gründe, warum ich bei meinem ehemaligen Arbeitgeber gekündigt habe: Das Gender-Sternchen sollte verbindlich genutzt werden. Wie kann man bitte Vielfalt per Zwang verordnetn Ich fühlte mich durch diese Anordnung noch weniger in der Belegschaft repräsentiert. Genau das Gegenteil wurde also erreicht: weniger Vielfalt. Die Folge: Tschüss!

Im Endeffekt geht es also immer wieder um ein und dasselbe Thema: (Selbst-)Wert. Hier in der Unterform der Gleichwertigkeit. So erfolgt wie bereits gesagt auch hier eine Ebenenverwechslung in der Annahme, dass sich Gleichwertigkeit ausdrücken lässt, wenn man das korrekte Wort benutzt. Gleichwertigkeit (ebenso wie Wert / Würde / Selbstwert) sind aber ein inneres verkörpertes Gefühl, das man übrigens im Unterschied zu vielen Emotionen nicht "faken" kann. Entweder es schwingt in den Worten mit oder nicht, ganz unabhängig davon, ob ich gendere oder nicht. Daher wird die "korrekte, wertschätzende" Sprache niemals ihr Ziel erreichen können, wenn nicht auch das innere Wert-Gefühl stimmt. Stimmt das innere Gefühl, erübrigt sich meist auch die Suche nach der Entsprechung in der Sprache, da die Botschaft der Wertschätzung auch so ankommt, einfach weil sie da ist (Vorausgesetzt das Gegenüber ist imstande sie anzunehmen und versteckt sich nicht hinter seinen Verletzlichkeiten.).

 

Ich empfehle dazu: "Erwachsenensprache: Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur" von Robert Pfaller. Das Buch ist aber sehr... intellektuell, anspruchsvoll. Es geht im Grunde genommen darum, wie wir selbst eine infantilisierte Kultur schaffen, in der wir uns nicht als Erwachsene verhalten, da wir nicht mehr imstande sind, persönliche Befindlichkeiten im öffentlichen Raum zurückzustellen und auf einer anderen Ebene miteinander zu agieren. Wir tragen unsere (kindlichen) Verletzlichkeiten ins Öffentliche und erheben Anspruch, dass andere darauf Rücksicht nehmen oder uns jemand anders davor geschützt. Die Konsequenz ist, dass jetzt jeder wie ein Kind vor etwas geschützt werden muss... Vor der bösen diskriminierenden oder "erwachsenen" Sprache, oder aktuell auch vor dem bösen Virus usw. Das spielt natürlich den Menschen in die Hände, die an Macht interessiert sind: eine Gesellschaft von Kindern in erwachsenen Körpern – herrlich! Dabei ist jeder Erwachsene sehr wohl imstande sich selbst zu schützen, sein Risiko selbst einzuschätzen und sich entsprechend zu verhalten. Etwas schärfere Sprache wird ihn schon nicht umhauen; er ist eben kein zartes Bäumchen.
Die Infantilisierung schreitet wohl zurzeit voran, beruht aber anscheinend auf Gegenseitigkeit... Aber anscheinend muss es so sein... Ich sehe jedenfalls keinen Weg, jemanden zu seinem (erwachsenen) Glück zu zwingen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden, aus der erwachsenen Kind-Rolle auszusteigen. Das erfordert aber auch Verzicht auf einige "Privilegien" / Ansprüche und auch auf das Leiden... Auch Vorwürfe an Mami und Papi (z. B. an den Staat), sie würden etwas / einen vernachlässigen, gehen dann nicht mehr... Selbstverantwortung ist gefragt.
 
Übrigens bin ich ein großer Freund der natürlichen Vielfalt. Sie zeigt sich ganz von alleine. Im Körperausdruck, in den Augen, in der Lebensgeschichte. Sie braucht weder Kategorien noch Erlaubnisse noch sonstige Beteuerungen und Zurschaustellungen. Sie ist einfach da. Und was das Gendern angeht: Ich will es niemandem ausreden, sofern es eine persönliche Entscheidung ist. Auf der strukturellen Ebene bin ich dem Gendern gegenüber sehr kritisch. Für mein Sprachgefühl brauche ich es so gut wie gar nicht. Und so habe ich mich bereits vor einiger Zeit erleichtert von den Gender-Formen verabschiedet. Auf der Praxis-Website wird man sie auch nicht finden. Gut für die Lesbarkeit ;-) Und man braucht keine extra App, die die Lesbarkeit wieder herstellt (Kein Scherz! Die gibt es tatsächlich!). Aber was ist 
Es gab / gibt übrigens immer noch Vorstellungen, dass Frauen wie die Männer werden sollen und das wäre dann Gleichberechtigung. Dabei sind die Männer meist ja auch nicht bei sich selbst. Ich sehe es so: Für uns alle ist noch einiges an Emanzipation angesagt! Die Sprache ist das geringste Problem. Sie ist flexibel und passt sich an. Außerdem sind da jahrtausendalte Schätze enthalten, die in Worten mitschwingen, die wir heute benutzen, auch wenn sich ihre Bedeutung mittlerweile etwas verändert hat. Sie sind Energiefelder. Vom Kopf her in Energiefelder einzugreifen ist verkehrt (Du kennst meine Einstellung dazu und wie ich damit umgehe) und kann viel Schaden hinzufügen. Das Feld darf man nur von innen heraus bereinigen und nach seiner Führung. Nie nach seiner Ego-/ oder Kopfvorstellung von dem, was besser wäre. Nur so, wie es von innen heraus gut ist. Denn das Gute ist gut, das Bessere ist niemals gut.
 
Bildnachweis: Bild von ivanovgood / Pixabay 
 
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